Shock, Sarah Macmillan, CC-BY-NC: http://bit.ly/2tZQowp

Apple ermöglicht erstmals detaillierte Auswertungen des Nutzerverhaltens. Mit möglicherweise weitreichenden Konsequenzen. Folgen jetzt Werberausch? Ausverkauf? Ein Niedergang der Nischenpodcasts?
Erst einmal durchatmen. Und die Analyse von unserem Redakteur und Podcast-Spezialisten 
Merlin Münch lesen.

Fast beiläufig erwähnte Apple auf ihrer diesjährigen Entwicklerkonferenz WWDC eine Neuerung, die für die Podcast-Community vermutlich ein echter Game-Changer ist. Mit dem nächsten Update auf iOS11 können Podcaster erstmals auf vergleichsweise handfeste Nutzerstatistiken zurückgreifen.

Der relative Erfolg eines Podcasts ließ sich bisher vor allem an den absoluten Downloadzahlen ablesen. Was nach dem Download passiert war bislang eine Black Box: Wo steigen die Hörer*innen aus? Wo spulen sie vor? Welche Stellen werden ganz übersprungen?

Genau die Daten also, die das Werbegeld bringen könnten das der Branche bisher fehlt, blieben bisher im Verborgenen. Vor allem deshalb haben sich Investoren bisher zurückgehalten. In den USA bringen Werbegelder dem öffentliche Rundfunk jährlich knapp 14 Mrd US $ ein. Podcasts werden es in diesem Jahr voraussichtlich auf gerade mal auf 250 Millionen US$ bringen.

Steht der Branche mit den neuen Analysemöglichkeiten also ein großer Goldrausch bevor? Möglich.

Malen nach Zahlen?

Ohne Zweifel: Die Neuerung wird aller Voraussicht nach einen Umbruch in der Branche einläuten. Wie heftig dieser sein wird und wie er sich auf die Strukturen in der Branche einerseits und das Medium Podcast selbst andererseits auswirkt, ist unklar.

Bei aller Freude über die neu gewonnenen Einblicke gibt es nämlich auch erste Bedenken: Werden Formate in Zukunft vor allem zahlengetrieben sein? Sollte sich herausstellen, dass die Downloadzahlen eines Podcasts zwar hoch, die tatsächlichen Zuhörerzahlen aber deutlich geringer sind, könnte das viele Sponsoren erstmal abschrecken. Denn: Was bringen 20.000 Downloads, wenn es nur ein Bruchteil der Hörer_innen bis zur ersten Werbung schafft?

Je nach Nutzungsverhalten könnten Podcaster_innen außerdem dazu verleitet sein, das Storytelling den Gewohnheiten und Wünschen der User – und Werber – anzupassen. Bisher war die Podcastcommunity zwar finanziell eher unterversorgt, dafür aber weitestgehend unabhängig.

Die neue Transparenz könnte eine erste Aussortierungswelle lostreten und dazu führen, dass künftig einige wenige Formate einen Großteil des Werbevolumens auf sich vereinen. Kleinere Formate würden hinten abfallen. Klar, so funktioniert der freie Markt. Vor allem für Nischenpodcasts, die eine kleine, aber engagierte Hörerschaft haben, könnte das aber zum Problem werden. Andererseits bietet vielleicht gerade die Nische perfekte Zielgruppen für zugespitzte Werbeangebote.

Abzuwarten bleibt auch wie andere Podcastplattformen auf Apples Schachzug reagieren: Der Marktanteil des Unternehmens liegt bereits jetzt bei ca. 60 – 80 %. Die Auswertung der Nutzerzahlen wird nur in Apples Podcast App möglich sein.

Don’t paint it black

Erstmal heißt es vor allem: Abwarten. Podcasts stehen spannende Zeiten bevor. Entsprechend gespannt bin ich ob und wie es das Medium es in nächster Zeit schafft, den nächsten großen Sprung zu machen. Podcasts kommen ja gefühlt schon so lange wie der Wedding. Aber gerade liegt da etwas in der Luft.

Keine Zeit zum Schwarzmalen also, sondern Zeit sich einzumischen und mitzugestalten!

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