Das Filmprojekt zum Umbruch 89 nimmt Formen an: Zwischen zwei Reisen nach Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern entstand ein erster Trailer. 

 

„Die Revolution und ihre Kinder“ – Trailer 01 from kooperative-berlin on Vimeo.

 

Michael Stieber aus Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern

„Naja, wenn es eine Revolution war, dann waren ja irgendwie auch alle Revolutionäre“, sagt Michael Stieber. Letztlich hätten sie alle diesen Staat DDR zu Sturz gebracht: die Republikflüchtlinge, die Demonstrant_innen, die einfachen Bürger_innen, die plötzlich aufstanden und aufbegehrten gegen „ihre DDR“.

Michael Stieber am Bahnhof in Neubrandenburg.

Michael Stieber selbst erlebte den Mauerfall 1989 im bayrischen Aschaffenburg. Dort war er nach seiner Flucht in die BRD im Oktober gelandet. Dass er seine Heimatstadt Neubrandenburg jemals wiedersehen würde, glaubte er nicht. Denn eigentlich hatte er sich schon verabschiedet: Von dieser DDR, von seiner Familie, seinen Freunden. Im Sommer 1989 fasst Michael Stieber den Plan, die DDR zu verlassen: Nicht unbedingt als Aufstand, eher aus Trotz.Er wolle sich nicht vorschreiben lassen, wo er zu wohnen habe. Zu diesem Zeitpunkt hatte er zwei Anwerbeversuchen der Stasi widerstanden und drei Jahre Armeezeit hinter sich gebracht.

Dass es die Familie Stieber mit zwei Söhnen heute gibt, hat er dem Mauerfall zu verdanken.Weihnachten 1989 ist er zu Besuch in Neubrandenburg, eine Amnestie für Republikflüchtlinge macht es möglich. Dauerhaft zurückkehren in diesen sich auflösenden Staat möchte er eigentlich nicht. Doch er lernt seine spätere Frau kennen, ein Jahr später im Dezember 1990 wird Kilian in Neubrandenburg geboren.

Dort lebt die Familie Stieber auch heute noch. Wir  haben Michael Stieber in dieser Woche besucht: Er zeigte uns den Bahnhof, an dem seine Flucht begann, und das Café, in dem 1989 die hitzigen politischen Debatten geführt wurden. In seinem Wohnzimmer schmiss Stieber sein altes Bandgerät an und spielte uns den 1988 von ihm eingespielten Song mit dem programmatischen Titel „Ausreiseantrag“ vor.

Wolfgang Triebe aus Schneeberg in Sachsen

Daran die DDR zu verlassen, hat Wolfgang Triebe niemals gedacht. Dabei hat er den Staat „so richtig kennengelernt“, wie er sagt. Damals, als er 1983 den Waffendienst verweigert habe, geriet er ins Visier der Behörden, die ihn fortan nicht mehr in Ruhe lassen. Doch als Pfarrer einer kleinen sächsischen Gemeinde engagiert er sich weiter: Für Abrüstung, gegen den ökologischen Raubbau, für mehr Menschlichkeit. Er rennt an gegen die bornierten Verhältnisse im SED-Staat. 1989 gründet er eine Bürgerinitiative in Ostelbien, die abseits des Neuen Forums politisch aktiv wird. Er gründet die Ost-SPD mit und bleibt auch nach der Wende aktiv und streitet für die Belange seiner Region. Das Pfarramt, das ihm zu DDR-Zeiten Schutz bot, gibt er Mitte der 90er auf: Im fehle das Rebellische, Anarchische in der gesamtdeutschen Kirche, sagt er. Heute ist er arbeitslos.

"Ich war immer ein Rebell": Wolfgang Triebe.

Die Geschichte seiner Rebellion hat auch die drei Kinder geprägt. Der Aufarbeitungsdiskurs wird am Küchentisch geführt und nicht selten finden sich die Kinder in einer Rolle wieder, in der sie vermitteln müssen zwischen ihren Eltern. Was bleibt von der eigenen Rebellion, von den Werten, für die man jahrelang gekämpft hat? Wo findet sich eine Familie, deren Leben vom Widerstand bestimmt war, wieder, wenn das Objekt des Widerstandes plötzlich fehlt? Das sind die realen Fragen, mit denen die Familie umgeht. Und es sind die Fragen, die die Kinder prägen: Die ihre Lebenswege und Gedanken auch heute noch bestimmen.

 

 

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