Ein Jahr KOOP UNITED aka. der Betriebsrat der KOOPERATIVE BERLIN – Zeit ein Resümee zu ziehen und KOOP UNITED (Corinna, Max und Merlin) und die Gründer und Geschäftsführer Markus und Oliver zu interviewen.

Was war der Anlass eine Interessenvertretung bzw. einen Betriebsrat zu gründen?

KOOP UNITED Anders als vielleicht vermutet werden könnte, gab es keinen Streit, der dazu geführt hat. Die Geschäftsführung hat das Thema Interessenvertretung vor mehreren Jahren bereits angesprochen, um regelmäßiges Feedback für ihre Arbeit in der KOOPERATIVE aus dem Team zu erhalten. Nach einiger Zeit haben dann einige Kolleg*innen die Initiative dazu ergriffen, die Diskussion im gesamten Team zu führen und dazu eine gemeinsame Haltung zu entwickeln.
DIE GESCHÄFTSFÜHRUNG Die KOOPERATIVE BERLIN ist in den letzten Jahren stetig und organisch, also aus sich heraus gewachsen. Wir haben dann mit über 30 Menschen im Team eine Größe erreicht, bei der wir als Geschäftsführung festgestellt haben, dass wir neue Wege für Beteiligung und Mitsprache brauchen. Neue Mitarbeiter*innen kommen, andere gehen, und wir hatten einfach nicht mehr den direkten Draht zu allen und die Zeit uns um alle persönlichen Bedürfnisse und Belange zu kümmern. Und manches haben wir auch einfach nicht mehr im Blick. Zudem kommt hinzu, dass bei einer gewissen Größe vielleicht auch mal Entscheidungen auf uns zukommen werden, die aus einer Führungslogik sinnvoll erscheinen, aber vielleicht nicht unbedingt für alle nachvollziehbar sind. Wir suchten mit der von uns geforderten Interessenvertretung eine Form der Mitsprache des Teams bei unseren Entscheidungen – also einen weiteren, kritischen Blick auf die Weiterentwicklung der KOOPERATIVE.

Warum hat sich das Team explizit für einen Betriebsrat entschieden und nicht für eine andere Form der Interessenvertretung?

KOOP UNITED Wir haben die Idee einer Interessenvertretung in einer Teamversammlung einmal mit den Handlungsmöglichkeiten und Mitbestimmungs- sowie Informationsrechten eines Betriebsrats verglichen und darüber diskutiert. In einer Abstimmung war schnell klar: wenn schon Mitbestimmung, dann richtig. So haben wir uns einstimmig dazu entschieden, einen Betriebsrat zu wählen. Darauf folgten dann die Gründung einen Wahlausschusses und im November 2018 dann letztendlich die Wahl, aus der drei Mitglieder und drei Ersatzmitglieder hervorgegangen sind.

Was erwartet ihr von einem Betriebsrat?

KOOP UNITED Ein Betriebsrat ermöglicht dem Team weitreichende Mitbestimmung bei betrieblichen Entscheidungen und gewährleistet Initiativrechte, die gesetzlich verankert sind. Dies betrifft Themen wie Einstellungen und Kündigungen, Gehalt und andere Zuwendungen, Arbeitszeit und Gesundheit und viele weitere. In der KOOPERATIVE profitieren wir alle von guten Regelungen wie Zeiterfassung und bezahlten Überstunden. Dennoch gibt es natürlich immer Verbesserungsmöglichkeiten und auch -notwendigkeiten. Um die Themen ans Tageslicht zu bringen, die unsere Kolleg*innen wirklich beschäftigen, haben wir Anfang 2019 unsere erste offizielle Betriebsversammlung gemacht, in der wir uns unsere Schwerpunktthemen vom Team abgeholt haben: Arbeitsplatzgestaltung, Betriebsferien und ein faires Gehalt.
DIE GESCHÄFTSFÜHRUNG Wir sind ziemlich sicher, dass auch agile Arbeitsweisen, ein hohes Maß an Selbststeuerung etc. einen stabilen und sicheren Rahmen brauchen. Dazu gehört z. B. das kluge Zusammenspiel von Freiheit, Selbstverantwortung und Hierarchie. Aus Sicht einer Geschäftsführung geht es ja darum dem Team maximale Sicherheit zu geben, um Raum für Kreativität und Freude an der Arbeit zu ermöglichen. Dazu brauchen wir ein Team auf Augenhöhe. Ein Betriebsrat ist da eine sehr gute Form. Neben anderen. Wichtig ist dabei, 
einen kritischen Blick auf unsere Entscheidungen zu werfen, konstruktiv an der weiteren Entwicklung der KOOPERATIVE teilzuhaben, schwierige Punkte zu diskutieren und neue Ideen und Ansätze reinzubringen.

Die Gründung von Betriebsräten scheint – vor allem in der Medienbranche – nicht besonders populär zu sein. Warum stellt ihr euch gegen diesen Trend?

KOOP UNITED Das stimmt, die Gründung von Betriebsräten ist leider rückläufig und in unserer Branche sind wir geradezu Exot*innen. Das hängt vermutlich auch damit zusammen, dass Arbeitnehmer*innen in diesen agenturförmigen Unternehmen oft nur recht kurzzeitig beschäftigt sind und daher das Interesse, den Betrieb nachhaltig mitzugestalten, recht gering ist. Viele Menschen – sowohl Beschäftigte als auch Arbeitgeber*innen – wissen aber auch einfach nicht viel über Betriebsräte und die Chancen, die er mit sich bringt. Der entscheidende Punkt wird aber sein, dass es oft nicht möglich ist, im Unternehmen offen darüber zu sprechen und auch die Geschäftsführung mit einzubeziehen. Bei uns geht das – und vor dieser Offenheit haben wir ehrlichen Respekt.
DIE GESCHÄFTSFÜHRUNG Eine Interessenvertretung oder ein Betriebsrat ist ein Weg, mehr Partizipation zu ermöglichen. Das schafft im Sinne einer Mitarbeiter*innenvertretung zum einen mehr Einfluss und Rechte, was für uns eine kulturelle Grundhaltung sein soll. Aber es gibt auch andere spannende Formen der Beteiligung, wie Aufsichtsräte, Gewinnbeteiligung, soziokratische Systeme. Egal welcher Weg, wenn ein Laden wie unserer dadurch mehr „wir“ bekommt, was sich für alle gut anfühlt, umso besser.

War KOOP UNITED die richtige Entscheidung?

KOOP UNITED Auf jeden Fall. Es kommt häufig vor, dass Kolleg*innen uns in der Sprechstunde oder auf dem Flur Fragen zu ihren Arbeitsverträgen, Überstunden oder Themen wie Bildungsurlaub stellen. Die Betriebsferien, also ein fester Zeitraum, in der Urlaub genommen werden muss, haben wir in einer Betriebsversammlung zur Disposition gestellt und im gesamten Team beschlossen, das der Betriebsrat gegenüber der Geschäftsführung auf die Abschaffung der Betriebsferien hinwirkt. Letztlich ist das auch so gekommen. Auf Details zur neuen Regelung haben wir uns noch auf der Versammlung selbst einigen können, bei der die Geschäftsführung ebenfalls anwesend war.
DIE GESCHÄFTSFÜHRUNG Es ist erst einmal mehr Zeit, mehr Reibung. Aber eben auch neue Ideen und Klarheiten. Und das Team nimmt das voll an. Die Meet ups bzw. Betriebsversammlungen sind immer komplett voll. Alle sind da. Alle finden die Themen relevant, aber eine richtige Bilanz schon jetzt zu ziehen, wäre zu früh. Vielleicht sollten wir auch alle Formen der Partizipation im Sinne einer lernenden Organisation immer auf den Prüfstand stellen. Was kann man noch besser machen, gibt es für weitere Ideen, die uns als KOOPERATIVE noch weiter bringen?

Was macht den Betriebsrat in der KOOPERATIVE besonders?

KOOP UNITED Besonders ist bei uns wahrscheinlich die Ausgestaltung der Diskussionen zwischen Team, Betriebsrat und Geschäftsführung. Im Mission Statement unseres Betriebsrats „KOOP United“ steht ganz oben: „Was in der KOOPERATIVE zählt, ist das Argument.“ Daran halten sich bislang alle. Und: „Wir erstatten Bericht über unsere Arbeit und treffen Grundsatzentscheidungen nur in Rückkopplung mit dem Team. Wenn wir uns einmal mit der Geschäftsführung nicht einig werden, beratschlagen wir mit allen Kolleg*innen gemeinsam, welche Haltung der Betriebsrat einnehmen soll. Auf diese Weise holen wir uns in wichtigen Fragen regelmäßig und demokratisch unsere Mandate ab.
DIE GESCHÄFTSFÜHRUNG Dass KOOP United nicht mit Krisen oder schwierigen Situationen starten musste, sondern gemeinsam mit dem Team in aller Ruhe seine Themen suchen und bearbeiten kann.

Wie geht es weiter?

KOOP UNITED Mit dem bislang größten Projekt: der Entwicklung eines Gehaltssystems. Auch hierzu haben wir eine Betriebsversammlung durchgeführt, die im November 2019 stattfand. Die Geschäftsführung hat dem Team darin die aktuelle Gehaltspraxis vorgestellt und wir haben verschiedene Gehaltssysteme anderer Organisationen vergleichend dargestellt sowie eine Skizze des Entwicklungsprozesses besprochen. Unsere Kolleg*innen haben uns mitgegeben, wo ihre Prioritäten dabei liegen. Das sind zum Beispiel Nachvollziehbarkeit des Prozesses, eine Abkehr von intransparenten Individuallösungen beim Gehalt und eine Berücksichtigung sozialer Faktoren in der Gehaltsbemessung.
DIE GESCHÄFTSFÜHRUNG Gemeinsam, kooperativ, wertschätzend auf alle Fälle und hoffentlich auch uns immer wieder hinterfragend, ob wir auf einem guten Weg sind. Oder was wir im Zusammenspiel von Team und Geschäftsführung noch besser oder vielleicht sogar komplett anders machen können.
KOOP United will sich mit anderen Betriebsräten vernetzen. Wenn ihr selbst einen habt, Mitglied eines BRs seid oder einfach nur Interesse an dem Thema habt, schreibt uns eine Mail an koopunited@kooperative-berlin.de. Wir laden demnächst zu einem Vernetzungstreffen ein!

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