#netbeat 6/16: Digital L.O.V.E.

Digital L.O.V.E.

Note to self: Am Sonntag ist Valentinstag! Aber Valentinstag findet nicht nur mit roten Rosen beim Italiener um die Ecke statt, sondern 2016 auch im digitalen Raum. Aber was bedeutet eigentlich digitale Liebe? Wir denken über den  Begriff nach, schauen uns die Zahlen für Online-Dating an und erzählen die schönsten Liebesgeschichten aus dem Internet. Zur Liebe im digitalen Zeitalter gehören aber genau so die Einsamen, die sich aus der Gesellschaft zurückziehen und die, die ihre Beziehungsfähigkeit am digitalen Gegenüber schulen und sich vielleicht auch ein wenig in die Pixel vergucken.

Im #netbeat_reloaded findet ihr wie immer die besten Links der Woche. Kuratiert von den Kooperateur_innen für euch: Das Beste aus Netzpolitik, Kultur, Medien, digitaler Bildung, Politik und Zeitgeschichte. Dieses Mal mit Beatrix von Storchs #mausgerutscht, einer Möglichkeit die Flüchtlingsgerüchteküche aufzuräumen, einer dadaistischen Waffe gegen nervige Werbung im Internet und dem Bericht von Helikopter-Eltern, die versuchen, ihre Kinder mit dem Smartphone fernzusteuern.

Im #indiskret-Interview berichtet dieses Mal Jamie davon, was Filmemacher so machen (viel Papier!) und was bei Interviews so schief gehen kann.

INHALT

und sonst so

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Quelle: http://goo.gl/NZvdOQ

Liebe geht eben doch online!?

von Caroline Böhme

 

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Datingportale sind in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen, die App-Stores sind ebenfalls gut gefüllt. Tinder, eine der wohl bekanntesten Anwendungen, hat kürzlich die Zwei-Millionen-User-Grenze in Deutschland geknackt. Damit hat die Anwendung mehr Nutzer als die Stadt Hamburg Einwohner. Hinzu kommen weitere Portale wie Lovoo, Badoo oder PlanetRomeo. Doch lässt sich dort wirklich die große Liebe finden?

Den Beweis dafür, dass man die große Liebe auch online finden kann, treten Erica Harrison und Arte Vann an. Die beiden US-Amerikaner lernten sich über den Bilderdienst Instagram kennen. Die 36-jährige Harrison stolperte zufällig über eines der von Vann geschriebenen Gedichte und begann ihm zu folgen. „It was love at the first like“, werden sie später dem Guardian sagen. Vann, der an der Ostküste in New York lebt, und Harrison, die mit ihren drei Kindern an der kalifornischen Westküste wohnt, begannen miteinander zu schreiben und zu telefonieren, bis er sich schließlich ein One-Way Flugticket zu ihr buchte. Noch am Flughafen heirateten die beiden, nachdem sie sich begrüßten: „Hey, I’m Erica, nice to meet you.“

Über Instagram lässt sich scheinbar nicht nur Mr. oder Ms. Perfect finden, sondern auch eine begonnene Beziehung erhalten. Unter dem Account shinliart und dem Motto Half & Half postet das südkoreanische Pärchen Danbi Shin und Seok Li aus ihrem gemeinsamen Alltag – und das, obwohl sie in New York wohnt und er in Seoul lebt. Zu sehen sind mal Topfpflanzen, mal die beiden Liebenden, wobei die Fotos immer aus zwei Teilen zusammengesetzt sind: Die eine Hälfte ist in der südkoreanischen Hauptstadt aufgenommen und die andere in der rund 11.000 Kilometer entfernten US-Metropole.

Wie lange die große Online-Liebe hält, ist jedoch eine andere Frage. Einen Nachteil hat sie definitiv: Die Trennung verläuft vermutlich genauso öffentlich wie das Zueinanderfinden. Drei Forscher aus Finnland, Katar und den USA haben beispielsweise die Tweets von über 600 ihnen unbekannten (Ex-)Verliebten vor und nach der Trennung analysiert und dabei große sprachliche Unterschiede feststellen können. Grob gesprochen veränderten sich die Tweets von „Ich liebe dich“ zu „Ich hasse dich“ – man kann sich also online nicht nur verlieben, sondern auch trennen. Und jedes Mal ist die ganze digitale Welt live dabei.

Nice to know: 3 Fakten zum Online-Dating

– Laut Statista nutzen angeblich nur acht Millionen Deutsche aktiv Onlinedating-Börsen. Im Gegensatz dazu gibt es aber über 100 Millionen Mitgliedschaften in diesen Netzwerken – siehe oben.
– Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single bei Parship, so sagt es die Werbung. Im Gegensatz dazu gaben nur knapp zwölf Prozent der Schweizer an, dass sich aus einem Tinder-Date schon einmal eine Beziehung entwickelt hatte.
– Männerüberschuss: Weltweit sind fast zwei Drittel der Nutzer ortungsbasierter Dating-Apps männlich.

 

Mehr als Zahlen: Digitale Liebe

von Anna-Theresa Lienhardt

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Quelle gemeinfrei

Finger, Ziffer, Zahl und Stelle. Diese vier Bedeutungen sind Bestandteil einer ganzen Reihe von Übersetzungsmöglichkeiten, die das englische Wort „digit“ in seiner deutschen Übersetzung annehmen kann. Alles, was in eine digitale Form gebracht werden soll, durchläuft zunächst eine Transformation in das Binärsystem, bestehend aus den Signalen 1 und 0; an und aus. Zwei Signale, zwei Zustände, zwischen denen nicht viel liegt. Genauer gesagt: Nichts. Wie passt das zur „Digitalen Liebe“, einem Pop-Up-Begriff, der beinah inflationär im Gebrauch ist, seitdem Tinder, OK Cupid und Co. mancherlei Liebesleben managen? Digitale Liebe, eine Liebe bestehend aus 1en und 0en – Liebe On, Liebe Off?

Wer es schon erlebt hat, kann aus Erfahrung sagen, dass es nicht ganz so einfach ist, denn Liebe besitzt mehr als nur zwei Gesichter. Der Duden beispielsweise listet viele Stichpunkte auf, welche der Kategorie Liebe angehören. Dort steht „Liebe“ als Ausdruck einer spezifischen Emotion oder als Überbegriff, der konnotiert wird mit gesellschaftlichen Phänomenen wie der Beziehung, der Ehe oder auch der Affäre.

Liebe ist vielseitig, aber wie steht es um die „digit“? Ist es nicht so, dass diese scheinbar feste, unverrückbare Instanz, die unsere Welt in die Virtualität überführt, uns und unser analoges Leben durch und durch verändert? In all den Formen, die sie hierfür annehmen kann? Ist die „digit“ nicht immer auch nur das, was sie beschreibt und wird damit zu einem Chamäleon der Superlative, anpassungsfähig und wandelbar? Unter diesen Umständen scheint auch der Begriff „Digitale Liebe“ nur das zu beschreiben, was in der Gesellschaft aktuell passiert: Das Aufweichen und Transformieren vormals streng reglementierter Paradigmen wie Beziehung oder Partnerschaft in neue Formen und Varianten.

 

Ein Einsamer kommt selten allein

von Merlin Münch

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Quelle: http://goo.gl/bGykGq Lizenz: CC BY-SA 3.0

Hikikomori: Das ist nicht etwa das 576. Pokémon und auch keine moderne Form des Harakiri. Hikikomori, das sind junge Japaner, typischerweise zwischen 20 und 45 Jahre alt, typischerweise männlich, die sich vor der Welt verstecken. In ihren Zimmern. Das Phänomen, das erstmals in den 90er Jahren als solches erkannt wurde, hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch verbreitet. Konservative Hochrechnungen gehen von ca. 200.000 Gesellschaftsverweigerern aus. Manche Forscher schätzen die Zahl auf bis zu eine Million.

Sekentei – Der Fluch der Leistungsgesellschaft: Die Gründe für den Rückzug sind vielfältig. In erster Linie ist es bei den meisten Betroffenen jedoch der enorme gesellschaftliche Druck, der sie in die Knie zwingt. Sekentei, die Angst vor der fehlenden Anerkennung im eigenen sozialen Umfeld, ist unter japanischen Jugendlichen weit verbreitet. Wer nicht gleich nach der Uni den Absprung in einen guten Job schafft, keine Freundin hat oder eine Familie gründet, fühlt sich schnell stigmatisiert. Die Reaktion auf das empfundene Versagen: Die totale Kapitulation. Hikikomoris verweigern jeglichen Kontakt mit der Außenwelt, wohnen oft bis ins hohe Alter im Haus der Eltern. Manche ziehen nie aus.

Liebe Plus: Dank Internet und diverser, nicht nur unter den Hikikomoris enorm populärer Lovegames, können die Aussteiger mittlerweile auch ohne reale soziale Kontakte die Illusion eines Sozial- und sogar Liebeslebens aufrecht erhalten. Einer der erfolgreichsten Beziehungssimulatoren ist Konamis „Love Plus”-Serie.

Auf einem virtuellen Campus haben die Spieler die Möglichkeit, mit verschiedenen Charakteren im Spiel zu flirten und eine Beziehung aufzubauen. Das Ganze geschieht in Echtzeit, das Spiel ist nie vorbei. Verabredet man sich also für Mittwoch um 19 Uhr für ein gemeinsames Date sollte man möglichst pünktlich den Gameboy zur Hand nehmen. Sonst hängt schnell der Haussegen schief. Die Love-Plus Serie ist mittlerweile so beliebt, dass man ihr ein eigenes Genre gewidmet hat: Communication-Games nennen sich die Spiele und sollen laut ihren Entwicklern dabei helfen, dass auch die Hikikomoris den Umgang mit Mensch und Mädchen wieder erlernen. Na dann: Viel Erfolg.

Wer mehr über das Thema erfahren will, dem sei dieser Podcast der BBC empfohlen. Laufzeit ca. 27 Minuten.

 

Liebe simulieren – Beziehungsspielchen am Computer

von Arjan Dhupia


Gescheiterte Beziehungen, so die oft schmerzhafte Erkenntnis, sind leider auch das Resultat eigener Fehler und Verfehlungen. Es können halt nicht immer nur die Anderen schuld sein. Das Gute ist: Mit der Zeit klappt das immer besser (na gut, muss natürlich nicht). Idealerweise lernt man in jeder neuen Beziehung dazu, man sammelt Erfahrung im Liebesspiel. Üben, üben, üben – in Sachen Beziehung sicher nicht die schlechteste Devise.

Üben? Ginge das nicht auch – sagen wir  – virtuell? Das Computerspiel wird in der Forschung ja gerne als Instrument des Probehandelns begriffen. Also als ein Medium, mit dem sich Handlungen einüben bzw. ausprobieren lassen, und damit auch Konsequenzen durchgespielt und exploriert werden können. Das Symbolische des Computerspiels, die Interaktion bzw. Performance des Spielens in einem Als-Ob Moment, könnte man meinen, bietet sich für allerlei an.

Absurde Idee? In der Tat gibt es eine Handvoll Computerspiele, die sich dem Thema Liebesbeziehungen widmen. Im Action-Adventure „Catherine“ (2012) spielt man z.B. einen 32-jährigen männlichen Protagonisten, der sich vor der drohenden Ehe mit seiner Freundin drückt und von einer mysteriösen Unbekannten zum Fremdgehen animiert wird. Abhängig von den Entscheidungen des Spielers kann das Ganze natürlich unterschiedliche Wendungen nehmen. In Freudscher Manier muss man sich dabei in seinen Träumen durch surreale Landschaften kämpfen.

Weiter als „Catherine“ gehen sogenannte Dating-Simulationen, die das Thema Beziehung nicht nur narrativ verarbeiten, sondern versuchen, den Prozess einer Beziehung zu simulieren. Diese kommen vorwiegend aus Japan. Und na klar, aus feministischer Perspektive geht es da nicht unbedingt mit rechten Dingen zu. Virtuelle (Teenager-)Freundinnen gibts für den eigenen Nintendo DS und das eigene Smartphone. Mit denen kann man dann per Stimmerkennung chatten und muss sie natürlich regelmäßig aus der Jackentasche kramen, denn eine Beziehung will ja gepflegt werden, sonst gibt’s Stunk und Liebesentzug. In Sachen Sex sind diese Spiele wohl recht zahm (Küssen und übers Gesicht streicheln), es geht wohl vorrangig um ein idealromantisches Trainieren von Liebesbeziehungen.

Das Ganze treibt aber spätestens dann komische Blüten, wenn z.B. ein Senior-Spieleentwickler und Erfinder einer populären Digital-Freundin von Spielern respektvoll als „Schwiegervater“ bezeichnet wird und deswegen auch gerne mal Pralinen geschenkt bekommt. Seine Dating-Sim „Love Plus“ wurde sogar marketingtechnisch soweit ausgeschlachtet, dass Spieler_innen eine echte Wochenendreise buchen konnten, quasi als Pärchenausflug, inklusive Zweibettzimmer und neuen Augmented Reality Spielfeatures vor Ort. Eine kleine Doku des Wall Street Journal zeigt, dass zumindest in Japan eine Menge Leute diese Dating-Sims als ziemlich ernste Angelegenheit begreifen.

Japan mal wieder, mag jetzt der ein oder andere denken. Stimmt. Von all dem kann man ja halten, was man mag. Aber wer sagt eigentlich, dass virtuelle Sexanzeigen à la Tinder oder algorithmengesteuerte Paarvermittlungen wie Parship und Co kultivierter, intelligenter, normaler sind?

Das mit der Liebe ist halt ne schwierige Sache, und jeder Mensch hat da seine ganz eigene Taktik, den Highscore zu knacken.

 

 

 

#netbeat_reloaded: Was sonst diese Woche noch los war

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Quelle: dada-data.net

 

Ihr wisst Bescheid: ‪Dada feiert dieser Tage den 100. Geburtstag. Und Dada wäre nicht Dada, wenn es nicht 100 Jahre nachdem die Damen und Herren erstmals im Cabaret Voltaire in Zürich zusammengesessen haben, keine Lösung für das alltägliche Übel anbieten würde. Dementsprechend heißt es nun: Big Data AUS und Dada AN, denn Dadadata ersetzt euch die nervige Werbung mit schönster Dada-Kunst. In den nächsten Wochen gibt es dort aber noch viel mehr Aktionen: Konzerte, digitale Dadakunst, Tweetkakophonie. TH

 

#mausgerutscht

#‎mausgerutscht‬: Alles klar, liebe Beatrix von Storch. Auf die Frage eines Facebook-Users hin, ob notfalls auch Waffen an deutschen Grenzen gegen Kinder und Frauen eingesetzt werden dürfen, antwortete sie mit einem „Ja“, wenn diese das „Halt nicht akzeptieren“ und „angreifen“ würden. Nun war es laut ihrer Aussage aber „ein technischer Fehler“, der dieses „Ja“ fabrizierte. Aha.
Einfach SO geschehen. Kann ja jedem mal passieren. Unter #mausgerutscht finden sich die schönsten Memes zu dem kleinen Versprecher. Danke, Beatrix von Storch. TH

„Real-Markt muss wegen wiederholter Diebstähle durch Asylbewerber schließen“

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Quelle: Screenshot

Menschen werden aus ihre Wohnungen vertrieben, weil diese für Geflüchtete angemietet werden.

Geflüchtete wildern Schwäne vom Dorfteich.

Eine Grundschule wird geschlossen, weil sie für Geflüchtete gebraucht wird.

Ein Aufschrei folgt und die „Nachrichten“ gehen viral. Gerüchte über Flüchtlinge gibt es seit einem Jahr fast täglich. Hoaxmap hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Gerüchten nachzugehen und Falschmeldungen anzuzeigen. TH

Helikopter-Eltern in den USA: Wenn Mutti sich per Fernsteuerung auf dem Smartphone einmischt….

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Quelle: gemeinfrei

In Deutschland gibt fast jeder Fünfte Jugendliche an, dass im Internet bereits Falsches oder Boshaftes über ihn verbreitet wurde. Grund zur Sorge? Eltern in den USA haben hierfür eine für sie plausible Lösung gefunden: Sie setzen auf technische Überwachung. So steuern sie zum Beispiel via App die Smartphones ihrer Kinder fern, überwachen die komplette Kommunikation und schalten sich im Ernstfall selbst ein. So ist zumindest der Plan. Die Reportage des „Weltspiegels“ (ARD) berichtet über den Kontrollwahn amerikanischer Eltern im Land der Freiheit. JD

 

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In der Rubrik #indiskret befragen wir die Kooperateur_innen, nach ihrem Alltag in der Kooperative Berlin, nach geheimen Leidenschaften und versteckten Talenten.

Jamie Bourque ist neu in der Kooperative Berlin. Wir haben mal #indiskret nachgefragt, was ihn dazu bewegt hat, nach Deutschland zu kommen (Spoiler: Alice schlüpfte durchs Loch, Jamie näherte sich Deutschland durch sein schwärzestes Kapitel), was Filmemacher eigentlich so machen (Spoiler: viel Papier!) und welche Fauxpas man als solcher begehen kann: Lest selbst!

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und hier geht’s weiter.

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